Die Ruhe vor dem Sturm und das Gespür für kommende Veränderung
3 August 2026
Vor zwei Tagen hatte ich wieder diesen Moment, wo ich aus dem Fenster schaute, die direkte Umgebung wahrnahm und ein winziges Stückchen die Straße hinauf schaute zu dem Haus mit dem unglaublich großen, alten Mirabellenbaum davor. Unten ist der winzige Vorgarten von einer dichten Hecke eingepackt. Da das Haus an einer viel befahrenen Straße steht, war mein Gedanke: Die wissen, was sie an ihrem Baum und den Büschen haben. Man nimmt das Haus kaum wahr, so gut abgedeckt ist es von den dichten Zweigen und dunkelgrünen Blättern. Eine dicke Wand aus Natur, um den Straßenlärm abzuschirmen und die Hauswand kühl zu halten.
Es war wieder so ein Moment, wo ich tiefe Ruhe spürte und mir mein Verstand erzählte: Wie schön, so darf das bleiben.
Heute wurde der riesige, alte Mirabellenbaum abgesägt.
Auch die dichte Hecke wurde entfernt.
Ein Mini-Bulldozer kletterte über den winzigen, abschüssigen Vorgarten und riss den verknoteten Baumstumpf aus der Erde.
Alles, was in dem Vorgarten alt, urig, erdig, natürlich war, ist nun platt gemacht.
Aber zum ersten Mal erschrecke ich nicht. Zum ersten Mal fühle ich nicht Rage.
Sondern ich bin wissbegierig, was es mit meinem Gespür für diese Ruhemomente auf sich hat, die sich kurz vor großen Wandelmomenten in mir zeigen. Diesem stillen, dankbaren Abschiednehmen, ohne, dass ich davon weiß.
Mein Körper aber wusste davon. Er, der Teil der Erde ist, Teil der Natur, sein Bewusstsein verwoben mit dem Bewusstsein der Pflanzen. Ihm erzählten die Pflanzen von den kommenden einschneidenden Erlebnissen.
Und ich lerne: Wenn ich so tief ruhig und andächtig werde, kann es darauf hindeuten, dass mein Körper gerade einen Moment erlebt, in dem er tief verarbeitet, dass sich in kurzer Zeit genau hier etwas verändern wird.
Weil sich mein Bewusstsein dafür schärft, dass Veränderung, Wandel, echter werden und den eigenen Platz endlich einnehmen die Zeichen der aktuellen Zeit sind, fühle ich heute etwas ganz Neues.
Statt auszuflippen über den verlorenen Baum und imaginär mit tausend Fragen auf die Nachbarn einzustürmen, spüre ich jetzt ein Verständnis: Sie haben sich getraut. Vielleicht haben sie sich schon lang einen ganz anderen Vorgarten gewünscht, endlich pralle Morgensonne, ganz viel Licht in den vorderen Zimmern. Und sie haben immer wieder gezögert, den Baum zu opfern. Weil wir das ja alle sehen können. Diese große Veränderung lässt sich nicht verstecken.
Jetzt ist es riskiert und getan. Das Alte ist raus, jetzt kann neu gestaltet werden.
Egal, ob Nachbarinnen wie ich um den urigen Baum trauern und sich gegen pingelig kuratierte Kleinstgärten sträuben.
Es wurde gefühlt, dass etwas anders werden muss. Und der Mut gefasst, das vor aller Augen zu tun.
Das finde ich gut.
Am Abend fühle ich mich traurig und schwer. Gerade als ich in mein Tagebuch schreibe Vielleicht bei aller Wissbegier und Erkenntnis trauere ich jetzt um beginne ich zu weinen. Ja, mein Körper trauert um den wunderbaren Mirabellenbaum.
Die Natur mit all ihren Lebewesen ist der Spiegel unseres Menschsein.
